Donnerstag, 24. April 2014
Donnerstag, 10. April 2014
Leben nach Waterloo
Sie verloren jede Schlacht. Auch wenn einer so tat, als hätte er gewonnen, war es dem distanzierten Beobachter ein Leichtes zu erkennen, daß die Zeit gegen sie war; chancenlos dem Morgen ausgeliefert, fochten sie mit versteinertem Eifer, grimmige Männer, alte, verbissene, harte Männer, deren Überzeugungen nicht zueinanderpassen wollten. Sie stritten, wie man stritt in den letzten Jahren des Zeitalters der Überzeugungen, längst geweiht, alsbald der Zeit der Meinungen zu weichen.
Diese tolle Flexibilität der Meinungen, wie gerne hätte Hans Dietrich Genscher von ihr schon profitiert, als er sich verantwortlich zeigen musste, im Namen einer neuen Überzeugung. Ja genau, die grimmigen Männer betrieben allesamt Politik und ich sah ihnen als Kind zu, natürlich ohne von der neuen Zeit auch nur zu ahnen. Manchmal rollten Panzer. Ich fand es interessant und verstand nichts. Aber die Suggestivkraft des Fernsehens liess mich eine Nacht nicht schlafen, weil ich Angst hatte, die RAF würde mich entführen. Daß sie das nicht vor hatten, kapierte ich ein paar Jahre später. Um zu verstehen, daß Genscher nicht in erster Linie einen Helmut gegen den Anderen, den Spiessigen, den mit der unangenehmen Ausstrahlung, austauschte, brauchte ich doch ein paar entscheidende Jahre mehr. Diese (markt-)ideologische Zeitenwende war vielleicht zu leise in der Welt des Kalten Kriegs oder ich hoffte später ganz naiv, es wäre nur so eine Phase, eine dumme, destruktiv grinsende, jugendliche Phase.
Es ist interessant, daß in den aktuellen Zeitungskommentaren diese grimmigen Männer der alten Zeit, sowie ihre Verwalter, die sorgenernsten Nachrichtensprecher, auftauchen, geht es doch eigentlich um das Ende einer Unterhaltungsshow. Eine Show allerdings, deren Konzept genau auf jener Zeitengrenze fusste, einst ihre Stärke, dann eines Tages, ihr Verhängnis.
Natürlich hat Christian die Wette
damals gewonnen
Genauso steht es in einem Text der Süddeutschen Zeitung - zumindest in der Mobilversion des Texts. Während also die FAZ noch etwas dezidierter auf die Welt der Babyboomkinder verweist und den „Generation Golf“-Autor erwähnt, der doch eigentlich schon zwei Jahre zu jung für die Boomer-Generation ist, aber einst von seinen „Wetten dass“ Erinnerungen geschrieben hat, huldigt die SZ der Sprache.
Vielleicht wollten diese zwei versgleichen Zeilen, wie sie da so allein, zwischen den Absätzen standen, an Deutschstunden erinnern, an moderne Lyrik, die wir nicht leiden konnten und dann doch in oft recht jungem Alter nach noch Wilderem suchten, als es uns die Lehrer vorsetzten. Reimen musste es sich nicht, soviel war gelernt. Und ein Christian wurde bald sogar ein guter Ratgeber bei dieser Suche. Dabei war er noch älter als die alten Männer. Aber wie die SZ erwähnt, lernte man als Kind jener Zeit bei Joachim Kulenkampff durchaus, daß es auch andere Typen des „alten Mannes“ gab, solche, deren Macht in ihrem Charme lag und die offenen Visiers mit Geheimnissen hantierten. Doch ich schweife andauernd ab, geht es doch erstmal weder um einen seit hundert Jahren Toten, noch um einen vor fünfzehn Jahren Verstorbenen, sondern um eine sterbende Fernsehsendung. Wie lange sie schon stirbt, darüber wird derzeit debattiert, doch nun ist ihr Tod angekündigt. Fernsehsendung statt avantgardistischer Lyrik. Zurück zum Alltag: Bald kein „Wetten dass“ mehr, kein montäglicher Schulhofplausch oder kein sonntägliches Lästern im Net.
Herr Lanz, der diese Sendung nahezu erleichtert abmoderierte, soll später kommentiert haben, die Zeit heute sei „zu kalt“ für diese Art des Fernsehens. Überzeugungen sind kalt, Meinungen sind kälter und Herr Lanz, wir, Du, ihr, sie, ich sind in jene Kälte involviert. Wenn wir uns nicht von den Träumen der Kindheit oder Jugend bewegt, infolge gewonnener Überzeugungen oder (ursächlich) erlittener Verletzungen, gegen ein erfolgreiches Partizipieren an dieser kalten Zeit entschieden, dann weinen wir der warmen Zeit (mit der wohligen Badewanne des kleinen Florian Illies und ihren TV Abenden im Bademantel) ebenso nach, wie Lanz. Einer, der doch geradezu als Stereotyp jener Kälte erscheinen könnte, die er kritisiert: Stets leistungsbereit und willig, stets einer, der was zeigen will. War nicht auch er ein vielgelobtes Kind? - Bevor ich aber in die warme Badewanne pinkel, mag ich mich doch kurz um die Tränen kümmern, die nun fliessen. Und daß sie im Feuilleton fliessen, bei aller gebotenen Distanz des journalistischen Gestus doch das Papier unversehens durchweichend, daß liegt im Kern jener besagten Kindheit, der ersten in einer vollkommen industriell und medial ausgestalteten Kinderwelt, eine, die nie vorbeigehen durfte. Wenngleich, je früher in den 60ern geboren, desto wahrscheinlicher, daß die Kratzigkeit selbstgestrickter Wollpullis noch gespürt wurde und die kurzen Hosen mit dem einen, schräg angesetzten Hosenträger, nicht nur ein Stilmerkmal im Look von Fix und Foxi waren. Ein letzter Hauch des Nachkriegs, die Mütter, die immer noch den Grauschleier wegwaschen mussten, auch, da sie oftmals zwischen erlittenen Kindheitstraumata und nicht erfüllten Lebensträumen strandeten. Träume, je greifbarer, desto mehr ihr eigenes Leben schon von der Jugendkultur berührt war. Doch die oft zitierten Hippieeltern gab es in dieser Generation noch höchst selten, der kratzige Pulli war von Oma gehäkelt, ökologisch wiederständige Strickware kam erst noch. Kein Zeigefinger mahnte, solange der Fernseher nach der Sesamstraße nur schnell genug ausgeschaltet wurde. Doch selbst im Angesicht der Nachrichten oder Hoimar von Ditfurths dringlichem Impetus bleib die kleine, von Aussen nun offensichtlich bedrohte Welt ein heimeliger Ort. Ein Ort der Umsorgtheit, voller, aus behüteter Kinderperspektive stets irgendwie realisierbarer Sehnsüchte: MG präsentierte die Träume eines jeden neuen Weihnachten, mit 3 Musketiers fochte man den Rest des Jahres an der Seite Wickies oder träumte mit Malibu Barbie vom Brechen der Wellen an der kalifornischen Küste. Irgendwas, das Psychologen und Soziologen gerne noch in empirischen Untersuchungen benennbar machen dürfen (und vielleicht sollten), knüpfte uns an diese Kindheit und so manchen auch an die Jugend, nebst ihren pathetischen Gegenthesen zur, als scheinheilig enttarnten Wärme. Vielleicht klammern diejenigen sogar mehr, welche die Doppelbödigkeit dieser Welt im Kleinen erfahren durften. Noch war Scheidung ein Skandal und Andrea Jürgens sang für uns: „Und dabei liebe ich euch beide“. Da war Zusammenraufen angesagt, Augen zu und durch, was sollen denn die Nachbarn denken? - Ob der kleine, später so wütende, Kurt etwa noch leben würde, wenn seine Eltern sich das Lied zu Herzen genommen hätten? Aber sie waren ja Amerikaner, hätten das Lied gar nicht verstanden, so wenig, wie Tom Hanks jene komische Show. Und ja, schon wieder war ich dabei abzuschweifen.
Doch tatsächlich war es wohl auch die Popmusik, die noch in ihrer Hochphase voller Ideen sprühte, welche den Blick auf das zu erwartende Leben massgeblich prägte, bis es sich für einige sogar in ihr realisierte. Mit ihrem zweiten Moderator, dem gelockten Thomas, bekam die Sendung sogar ein wirkliches Kind dieser Rock Generation als Erziehungsberechtigten (immerhin: er hatte auf Lehramt studiert) und wenn er seine Kumpels Status Quo ansagte, dann klang es, als müsste da etwas unfassbar Wildes kommen. Doch die Kinder, die Frank Elstner noch montagsmalend ins Bett gebracht hatte, wussten zu jener Zeit schon längst um den wirklichen Status Quo. Bevor sie starb, siechte die Sendung sehr lange und dabei sondergleich tapfer, denn sie war nun wie die Erinnerung an den Duft des Tannenbaumes am ersten Weihnachtstag, voll der Assoziationen an frisch ausgepackte Wunderdinge unter den Leuchtkerzen oder schon aufgebaut, auf dem Wohnzimmertisch.
Wir saßen irgendwo im Reich des Lebens ...
Wir saßen an zwei Tischen, hier und dort.
So schrieb Christian Morgenstern. Für uns stand der andere Tisch etwas ungünstiger, es zog in den Rücken oder man sah wieder die alten Männer im Fernsehen. Oder ein Lehrer stand davor, der mit dem Kreidestück auf dumme Träumerstirnen zielte. Vielleicht ging dem Träumer gerade ein Popsong durch den Sinn, nahm ihn so ganz und gar ein und bescherte eine bessere Welt.
And I dream I'm an eagle
And I dream I can spread my wings
Weil diese ebensowenig vergehen mag, wie erwähnte Kindheit, strahlte das ZDF am selben Abend noch eine ihrer „Kultnächte“ aus, die schon im Titel die Zielgruppe zwischen 40 und 75 klar fixiert. Die Nacht war ABBA gewidmet.
... Pardon ...
Es bedarf nämlich eines Moments der Überwindung und wenn ich mich drauf einlasse, versuche ich mich stets an der Option des distanzierten Genießens oder der sophisticateten Wahrnehmung kleiner, bislang vielleicht übersehener Details - doch ich erreiche das sokratische Niveau nie, leide bitterlich mit Antigone und Haimon (hiess er nicht eigentlich Baimon?), erst recht da ich ja weiß, wie es endet. Zeigen sie noch die letzte Session? Die mit der kurzen Version von „Thank you for the music“. - Nein, zeigten sie nicht, aber eine mit Olivia Newton John und Andy Gibb. Auch wenn die vier Schweden aus dem Folk Rock kamen, waren ABBA auf der Suche nach mehr Erfolg in den USA keine lässigen Jam-Partner. Jede Geste wirkt unbeholfen oder wie einstudiert, Anni-Frid mag, nachdem Olivia Newton-John stets die Songs vorgibt, klar stellen, wer hier die Sängerin ist und karikiert behände einen operettenhaften Sopran, als sie ihren Triumph längst hat, veralbert sie die eigene Geste noch schnell, so, wie es beim lockeren Jammen ja sein muss, nur keine Ambition. Doch Anni-Frid ist kein ewiges Kind, keinem des Quartetts stünde diese Rolle. Es scheint vielmehr, als fühlten sie sich (im Unterschied zu den Wetten Dass Kanditaten) von der selbstgestellten Aufgabe beleidigt. Zu Recht, auch wenn sie von kalifornischer Eleganz lernen würden, besaßen sie Material, für das Paul Kantner oder David Crosby in den späten 70ern ihre Freak Flag verkauft hätten. Sie hatten gar, was Steely Dan fehlte und sie wussten, wie man damit Geld macht. Und sie schwangen sich im Gleichtakt mit den Grateful Dead von einer progressiven Phase zu Disco. Hier vermochten sie seit den ersten Takten von „Dancing Queen“ stets etwas besonderes: Sehnsüchte vertonen. Als Folk Band lernten sie miteinander zu singen, waren aber dritte Liga, erst Glam Rock liess sie auftrumpfen. Und wie sie dann mit seinen Mitteln an einem denkwürdigen europäischen Abend des Jahres 1974 alles wegfegten! Geschichte war nun die gerade noch lebendige Tradition eines längst erwachsenen Songwritings, welches seine letzten Verfeinerungen in berückender Schönheit präsentierte. Man höre nur die ausarrangierte Eleganz des zweitplatierten Titels „Si“ von Gigliola Cinquetti. Doch auch ihre Stimme erreicht Wolke Sieben mittels produktionstechnischer Tricks, sanft gedoppelt schimmert sie überweltlich. Man könnte fast mutmassen, Björn Ulvaeus und Benny Andersson hätten hier genau zugehört und erkannt, was aus dem bereits so zauberhaften Miteinander der Stimmen von Agnetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad noch entstehen könnte. Und dann bald: diese Stimmen im unerhört dramatischen Disco Glanz! Und wovon singen sie? - Alle Versuche abzuschweifen helfen nicht, ABBAs unvorgesehenes Schicksal, die ganz persönliche Tragödie in eine junge Popmusik einschreiben zu müssen, die auf diese Singer-Songwriter-Unmittelbarkeit gar nicht vorbereitet war, reisst mich stets aus der distanzierten Betrachtung. Das war ihre Arbeit: Knowing me, knowing you. Dabei fehlen in jener „Kultnacht“ Lasse Hallströms Kunstfilm-Videos, also auch jene Szene, in der die einsame Agnetha in One of us „Music from Big Pink“ von The Band aus ihrem Plattenstapel zieht. Dieser bedeutungsreiche, rührende Moment bleibt mir erspart. Doch der verwirrende Ernst von The day before you came, seine nachtblaue Dunkelheit in der doch gar kein Stern zu erkennen ist, verfolgt mich auch noch in den kommenden Tagen. Oder ist es das Ende einer Kindheit? Nicht vermeintlich materialisiert im Abgesang einer Sendung, sondern als stärkere Ware: Popsongs, innere Unruhe, nicht mehr dahin zurück können, wo sie so richtig waren und verloren sein, in ihrer neuen Richtigkeit.
Tatsächlich sitzen wir noch heute zwischen zwei Tischen. Keine Sorge, beide sind gut gedeckt, der Eine mit Brot und allen möglichen Aufstrichen vom Nutellatraum bis zur Paprika-Cashew-Vitalität, der Andere mit Kuchen und dem Kopf einer eleganten Österreicherin, dargeboten in einer mit Sägespänen ausgelegten Rieslingkiste. Über einen geschickten Spiegelmechanismus können wir diesen Kopf scheinbar auf unseren Körper setzen, wir müssen bloß kurz aufstehen und uns nach vorne beugen. Sollte der Schrecken dieses Spaßes zu arg verwirren, bringt uns ein kariertes Känguru umgehend einen neuen Zauber. Ein ewiges Gestern aus Gimmicks, Heftchen und dem Fernsehen. Kein Neil Postman hat hier abschätzig über die Flimmerkiste zu reden, will er seinen Kopf auf den Schultern behalten. Eure Ökopullis waren nicht für uns! Denn wir lernten von einem anderen Zauber als ihn der Bilderrahmen oder das Kasperletheater zu bieten vermochten. Und nur die Musik brachte den ein oder Anderen für Momente weg davon oder doch die leeren Bilderrahmen oder die Karriere. Bei alldem haben wir an all das gedacht, woran wir denken konnten, wir haben uns bemüht unseren Vorbildern nachzueifern, denn etwas Eigenes ist uns nicht eingefallen. Mag sein, daß es uns auf dem Weg auch gelungen ist, die Posen des Erwachsenen einzunehmen. Aber egal ob als zynischer Yuppie oder versteinerter (Nicht-)Ex-(weil-immer-und-ewig-)Punk, ob mittels Lebenserfahrung imitierender Psychologisierungen, als strebsamer Meisterschüler, sich aufgockelnder Agentur-König oder gar in staatstragender Bedeutungsschwere, ich würde keinem von uns auch nur einen Satz abkaufen.
Ach, einen Epilog gibt es auch noch. Es spricht Hans-Joachim Kulenkampff:
Als Kind ist einem doch die Welt ziemlich klar - und wenn man stirbt, weiß man gar nichts.
Top, die Wette gilt!
Oliver Tepel
Quellen:
FAZ
SZ
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Pop,
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Wetten Dass
Mittwoch, 29. Januar 2014
Das Wort und die Axt - Pete Seeger 1965
Er spürte was kommen würde. Und so schwang Pete Seeger die Axt. Wie wütend muss er ausgesehen haben und wie verzweifelt, als er 1965 auf dem Newport Folk Festival die Leitung zum Gitarrenverstärker Bob Dylans kappen wollte. Allein, er wollte nur, denn wie jeder andere auf dem Newport Folk Festival, trug auch er kein Beil mit sich herum. Er machte vielmehr wohl nur einen zornigen Kommentar, in Anlehnung an sein eigenes Stück „If I had a hammer“.
Es war Dylans erster und daher bald legendärer Auftritt im neuen Sound. Bis heute spekulieren die Zeitzeugen und Historiker, wer, aus welchen Gründen buhte, auch das gehört zum Mythos, wenngleich die Buhrufe tatsächlich überliefert sind. Denn auch Andere, im Publikum, aber auch Musiker wie der große britische Folk Sänger Ewan McColl, kritisierten Dylan für seinen neuen musikalischen Kurs, sowie jene, die ihm zujubelten. „Nourished on the watery pap of pop music“, schrieb McColl über die in seinen Augen komplett unkritischen Fans. Nicht nur Seeger verstand den Moment. Aber es ist nicht von ungefähr, daß er zum Symbol dieser Trennung wurde, eine Trennung, die keines Beilhiebs bedurfte. Später war es ihm unangenehm. Er sagte, er habe sich nur daran gestört, daß man Dylans Stimme nicht mehr hören konnte. Es ist nicht schmeichelhaft, wenn Andere, wie Peter Yarrow oder Joe Boyd seine Version revidierten, sich aber stets mit einem gewissen Respekt zurückhielten, während sie die tatsächlichen Umstände andeuteten, nicht schmeichelhaft auch für sie selbst. Andererseits: sie waren alle für eine andere Welt und diese Welt schien vielen auf einmal greifbar, ohne Krieg, sondern mit der Energie, welche die Beatles freisetzten. Verständlich, daß Dylan daran teilhaben wollte. Aber dieser neue Sound war eben nicht alleine Mittel zum Zweck, sondern das Medium war die Nachricht: elektrisierend.
Pete Seeger hatte allen Grund zum Zweifel. Er hatte für die kommunistische Bewegung in den USA gekämpft, für streikende Arbeiter und Kriegsgegner, war ausgegrenzt und gar verfolgt worden, selbst als Patriot im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland. Da sangen er und Woody Guthrie mit ihrer Band, den Almanac Singers „Round and Round Hitler’s Grave“, doch die Rechten in den USA wähnten sogar hier Unterwanderung. Als Woody Guthrie 1943 „This machine kills fascists“ auf seine Gitarre schieb, nahm er rebellische Pop Posen um zwei Jahrzehnte vorweg. Nur, für ihn war es keine Pose, wenngleich er mit seiner Gitarre wahrscheinlich keinen einzigen Faschisten getötet haben wird, so war sie eben doch eine Maschine, ein Werkzeug. Und ein Song war eine Ansammlung von Werkzeugen, ein Apparat, der das Denken verändern sollte. Daß dieser Apparat auch die Sinne, den Wunsch, Lieder mitzusingen oder gar zum Klang der Musik eine gute Zeit zu haben, miteinschloss, war bekannt. Die darin verborgenen Widersprüche wusste der karge und klassizistische Folk jener Tage gut vor sich selber zu verbergen. Die emotionale Wirkung, sie wurde verstanden, gesucht und gefürchtet zugleich.
Aber die hieraus resultierende Zurückhaltung verging nun, nach den Beatles oder präziser, als das gefeiertste Talent einer neuen Generation des Folks, einer der Jungen, welche die Fackel weitertragen sollten, überlief. Nicht allein zu einer neuen Generation von Maschinen, sondern auch zu dem, was sie verhiessen: den großen Spaß und vor allem: das große Ich!
Man kann darüber debattieren, ob Pete Seegers Ich nicht auch groß genug war, denn seine Popstarkarriere wurde 1953 jäh unterbrochen, nachdem er 1950 mit den Weavers schon wochenlang an der Spitze der Charts verbracht hatte. Der Staat war gegen ihn, die großen Radiostationen spielten seine Musik nicht mehr und die Weavers waren bald am Ende. Um so bekannt zu sein, wie er war, musste Seeger bereits in das Popgeschäft, auch wenn er den Folksong als etwas begriff, was man zusammen singen sollte um ihn am Leben zu erhalten, zu erneuern und vor allem, um Gemeinschaft zu schaffen. Doch er misstraute der Popwelt, trennte sich von den Weavers, weil diese wohl bereit waren, für einen Zigarettenspot zu musizieren. Pop, das Radio und die Platten machten den Weg zu einer besseren Welt nicht weniger zäh.
Tatsächlich glaube ich, daß der in Newport wütende Seeger dies so sah. Vielleicht war es nicht der Lärm der neuen Musik, sondern die Tatsache, daß es den Musikern offenbar auch gefiel, daß man ihr Wort nicht mehr verstand. Gut, das traf nicht auf Dylan zu, der selber mit dem Klang in Newport unzufrieden schien, aber vielleicht war es der Sound dieser elektrifizierten Pop Musik, welche nun auch die Idee der Revolution an sich riss. Es stand nicht mehr die Kraft einer kargen, aber aufrichtigen und mitunter auch mitreissenden Folkmusik gegen den süßlichen Schein ausarrangierter Traumweltlieder, sondern ein enormes Rauschen und Brummen zu einem treibenden Beat übertönte energetisch die Stimme dessen, der was zu sagen hatte. Und die neuen Stimmen, was sagen sie? - Ich, ich, ich!
Das schlechte Gewissen mag Seeger gepackt haben, da diese Stimmen bald auch von der Revolution kündeten und mehr junge Menschen ein neues Leben wagten, als er sie je erreichen konnte. Doch eigentlich hatte er Recht und er wusste es auch, wenn er in späteren Jahren vor allem den ganz jungen Dylan wertschätzte, denn das Ich! war nicht mehr aus der Musik wegzubekommen. Die alte Distanz, die klingende Nachricht, die Stimme, welche den Klassenkampf trägt, wurde innerhalb weniger Jahre zu einem „Dancer in the dark“. Nun ist Pete Seeger nicht mehr unter uns. Er war der letzte Zeuge dieser Welt vor der Machtübernahme des Pop. Er wusste sehr wohl, was Menschen bewegte, er berichtete Baynard Woods vom „City Paper“ noch im letzten Jahr über seinen Einfall, ein Lied über Harmonien von Beethovens siebenter Symphonie zu singen und wie die Harmonien ihn an Slawische Lieder erinnerten. Was die Kraft der Musik sei, daß sei ihm immer noch rätselhaft, meinte er einige Jahre zuvor. Daß ihre Energie aber etwas bewirken kann, dafür lebte er. Wie diese Energie die Ziele der Kultur, die er vertrat und die er in Newport versammelt wusste, zerstören kann, das wird er 1965 verstanden haben, als er hörte, wie der Sound das Wort ablöste.
In Memoriam Peter "Pete" Seeger *3. Mai 1919 † 27. Januar 2014.
Es war Dylans erster und daher bald legendärer Auftritt im neuen Sound. Bis heute spekulieren die Zeitzeugen und Historiker, wer, aus welchen Gründen buhte, auch das gehört zum Mythos, wenngleich die Buhrufe tatsächlich überliefert sind. Denn auch Andere, im Publikum, aber auch Musiker wie der große britische Folk Sänger Ewan McColl, kritisierten Dylan für seinen neuen musikalischen Kurs, sowie jene, die ihm zujubelten. „Nourished on the watery pap of pop music“, schrieb McColl über die in seinen Augen komplett unkritischen Fans. Nicht nur Seeger verstand den Moment. Aber es ist nicht von ungefähr, daß er zum Symbol dieser Trennung wurde, eine Trennung, die keines Beilhiebs bedurfte. Später war es ihm unangenehm. Er sagte, er habe sich nur daran gestört, daß man Dylans Stimme nicht mehr hören konnte. Es ist nicht schmeichelhaft, wenn Andere, wie Peter Yarrow oder Joe Boyd seine Version revidierten, sich aber stets mit einem gewissen Respekt zurückhielten, während sie die tatsächlichen Umstände andeuteten, nicht schmeichelhaft auch für sie selbst. Andererseits: sie waren alle für eine andere Welt und diese Welt schien vielen auf einmal greifbar, ohne Krieg, sondern mit der Energie, welche die Beatles freisetzten. Verständlich, daß Dylan daran teilhaben wollte. Aber dieser neue Sound war eben nicht alleine Mittel zum Zweck, sondern das Medium war die Nachricht: elektrisierend.
Pete Seeger hatte allen Grund zum Zweifel. Er hatte für die kommunistische Bewegung in den USA gekämpft, für streikende Arbeiter und Kriegsgegner, war ausgegrenzt und gar verfolgt worden, selbst als Patriot im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland. Da sangen er und Woody Guthrie mit ihrer Band, den Almanac Singers „Round and Round Hitler’s Grave“, doch die Rechten in den USA wähnten sogar hier Unterwanderung. Als Woody Guthrie 1943 „This machine kills fascists“ auf seine Gitarre schieb, nahm er rebellische Pop Posen um zwei Jahrzehnte vorweg. Nur, für ihn war es keine Pose, wenngleich er mit seiner Gitarre wahrscheinlich keinen einzigen Faschisten getötet haben wird, so war sie eben doch eine Maschine, ein Werkzeug. Und ein Song war eine Ansammlung von Werkzeugen, ein Apparat, der das Denken verändern sollte. Daß dieser Apparat auch die Sinne, den Wunsch, Lieder mitzusingen oder gar zum Klang der Musik eine gute Zeit zu haben, miteinschloss, war bekannt. Die darin verborgenen Widersprüche wusste der karge und klassizistische Folk jener Tage gut vor sich selber zu verbergen. Die emotionale Wirkung, sie wurde verstanden, gesucht und gefürchtet zugleich.
Aber die hieraus resultierende Zurückhaltung verging nun, nach den Beatles oder präziser, als das gefeiertste Talent einer neuen Generation des Folks, einer der Jungen, welche die Fackel weitertragen sollten, überlief. Nicht allein zu einer neuen Generation von Maschinen, sondern auch zu dem, was sie verhiessen: den großen Spaß und vor allem: das große Ich!
Man kann darüber debattieren, ob Pete Seegers Ich nicht auch groß genug war, denn seine Popstarkarriere wurde 1953 jäh unterbrochen, nachdem er 1950 mit den Weavers schon wochenlang an der Spitze der Charts verbracht hatte. Der Staat war gegen ihn, die großen Radiostationen spielten seine Musik nicht mehr und die Weavers waren bald am Ende. Um so bekannt zu sein, wie er war, musste Seeger bereits in das Popgeschäft, auch wenn er den Folksong als etwas begriff, was man zusammen singen sollte um ihn am Leben zu erhalten, zu erneuern und vor allem, um Gemeinschaft zu schaffen. Doch er misstraute der Popwelt, trennte sich von den Weavers, weil diese wohl bereit waren, für einen Zigarettenspot zu musizieren. Pop, das Radio und die Platten machten den Weg zu einer besseren Welt nicht weniger zäh.
Tatsächlich glaube ich, daß der in Newport wütende Seeger dies so sah. Vielleicht war es nicht der Lärm der neuen Musik, sondern die Tatsache, daß es den Musikern offenbar auch gefiel, daß man ihr Wort nicht mehr verstand. Gut, das traf nicht auf Dylan zu, der selber mit dem Klang in Newport unzufrieden schien, aber vielleicht war es der Sound dieser elektrifizierten Pop Musik, welche nun auch die Idee der Revolution an sich riss. Es stand nicht mehr die Kraft einer kargen, aber aufrichtigen und mitunter auch mitreissenden Folkmusik gegen den süßlichen Schein ausarrangierter Traumweltlieder, sondern ein enormes Rauschen und Brummen zu einem treibenden Beat übertönte energetisch die Stimme dessen, der was zu sagen hatte. Und die neuen Stimmen, was sagen sie? - Ich, ich, ich!
Das schlechte Gewissen mag Seeger gepackt haben, da diese Stimmen bald auch von der Revolution kündeten und mehr junge Menschen ein neues Leben wagten, als er sie je erreichen konnte. Doch eigentlich hatte er Recht und er wusste es auch, wenn er in späteren Jahren vor allem den ganz jungen Dylan wertschätzte, denn das Ich! war nicht mehr aus der Musik wegzubekommen. Die alte Distanz, die klingende Nachricht, die Stimme, welche den Klassenkampf trägt, wurde innerhalb weniger Jahre zu einem „Dancer in the dark“. Nun ist Pete Seeger nicht mehr unter uns. Er war der letzte Zeuge dieser Welt vor der Machtübernahme des Pop. Er wusste sehr wohl, was Menschen bewegte, er berichtete Baynard Woods vom „City Paper“ noch im letzten Jahr über seinen Einfall, ein Lied über Harmonien von Beethovens siebenter Symphonie zu singen und wie die Harmonien ihn an Slawische Lieder erinnerten. Was die Kraft der Musik sei, daß sei ihm immer noch rätselhaft, meinte er einige Jahre zuvor. Daß ihre Energie aber etwas bewirken kann, dafür lebte er. Wie diese Energie die Ziele der Kultur, die er vertrat und die er in Newport versammelt wusste, zerstören kann, das wird er 1965 verstanden haben, als er hörte, wie der Sound das Wort ablöste.
In Memoriam Peter "Pete" Seeger *3. Mai 1919 † 27. Januar 2014.
Donnerstag, 23. Januar 2014
Oh dear! Oh dear! I shall be too late! - Musikliste 2013
Die Erwartungen waren groß und sie wurden ein klein wenig enttäuscht. Doch ich genoss es schon allein, große Erwartungen zu haben oder wieder Freude auf Konzerten. Etwas müde setzte 2013 Ideen fort, die in den Jahren davor angedacht wurden. Zugleich scheinen sich einzelnene Namen zu etablieren, ein Prozess der Erosion. Ein gemeiner Effekt des Alterns, man meint, Regeln zu erkennen, ahnt die Fragilität all der Illusionen aus denen Pop nunmal besteht. Komplett? Keine Ahnung.
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LP's
1. These New Puritans - Field of Reeds (Infectious)
Schlafwandlerisch, ja bewusst undeutlich, singt Jack Barnett umkreist von Waldhörnern, ein Chor antwortet lautmalerisch. Nur selten attackieren harte Beats, gleich der Windböe im Field of Reeds, die Ruhe aus der hier alles erwächst. Keine friedliche Ruhe.
2. Lucrecia Dalt - Syzygy (HEM)
Rhythmen, die emsigen Insekten gleich durch die Stücke huschen. Derweil hypnotisiert uns Dalts schlafwandelnde Stimme. Musik gemacht, um sie des Nachts in dunklen Räumen zu erleben, irgendwo glimmt eine LED oder Röhren flackern blass.
3. Julia Holter - Loud City Song (Domino)
Einbruch des Weltlichen. Befremdet, gleich einer Zeitgereisten, wandelt Julia Holter durch die wohlhabenden Vororte von Los Angeles. Dennoch bleibt sie selbst die Fremde, fern der Unmittelbarkeit einer Soulsängerin, aber mit einer subtil bewegenden Vision.
4. Braids - Flourish // Perish (Arbrutus/Full Time Hobby)
In glockenklarer, aber durchaus fein nuancierenden Eleganz tanzt Raphaelle Standell-Prestons Gesang sowohl durch die freundlichen Stücke der „Fourish“ Platte, wie auch die dunkleren Stimungen des „Perish“ Albums. So vermag ein Stück im Club zu tanzen, während der Kopf in den Farben von Pentangles „Reflection“ träumt.
5. Girls Names - The new Life (Tough Love Records)
Unterwegs in einem Wald. Es ist dunkel. Und auch die Bäume blicken trist. Jenseits (oder inmitten?) solcher Kalauer haben sich Girls Names aus ihrer Post C86 Verpuppung befreit und sehr elegante graue Flügel geöffnet. Sie nehmen sich die Zeit, in schönen Pirouetten durch die Nacht zu flattern.
6. Blue Hawaii - Untogether (Arbrutus)
Aber letztlich doch zusammen. Das Paar von Braids in einem so intensiv verflochtenen Werk, daß "Untogether" als Beschreibung eigentlich kaum denkbar ist. Als fragile Glassfigur gestaltete Musik versucht sich an Näherungen. Das ist mehr, als die Eitelkeit vergleichbarer Duett-Alben vor 15 Jahren.
7. Chelsea Wolfe - Pain Is Beauty (Sargent House)
Auch zum Teil eine 90er Idee, diese blutete damals ein in Klischees aus und wird seit einiger Zeit mit Twang Gitarren Klischees einer neuen Generation belegt. Doch eigentlich ist hier wenig sicher, eher ein Weg durch einen Irrgarten aus Eibenhecken. Eine trotz allem zurückhaltende Form der Selbstdarstellung.
8. Naadyn - Galaxy (Phantasma Disques)
Wäre vielleicht auch von dem Gedanken angetan, weniger zurückhaltend zu agieren. Aber als Geisterwesen, was bleibt ihr anderes übrig? Diese seltsame Nischenwelt dieser Daseinsform ist nicht weniger eigentümlich im Musikalischen, oder doch so einfach? Geisterhouse? Sie scheinen darin aber zu tanzen, ab und an.
9. Soft Metals - Lenses (Captured Tracks)
Irgendwas, um sich darauf auszuruhen, irgendwas aus Krautelektronik und Disco aber in einem anderen Kleid oder ist es ein Hosenanzug? Ein unaufdringliches Close Up von jenen, die gekommen waren um zu gehen.
Ausser Konkurrenz: Fear of Men - Early Fragments (Kanine Records)
Erstmal nur die Single Compilation. Nicht "going steady" aber "being exciting". Formal ist das alles so endlos durchgespielt worden, die charmanten Jangle Gitarren, der Mädchengesang, was es ist, daß sie mich weinen machen, ich weiss es selber nicht genau. "Bessere Songs", hätte ich wohl früher behauptet.
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Singles
1. Diana - Perpetual Surrender (Jagjaguwar)
Dieses abstrakte, scheppernde Outro, warum dauert es nicht noch ein paar Momente länger in einem Song, der in so unmittelbarer Maniriertheit davon berichtet, was alles sein könnte, wenn das Empfinden nun nur noch ein paar Sekunden mehr weilt. Welches Empfinden? Na, sag's doch: Sehnsucht - musst Du nicht so rumhadern.
2. FKA Twigs - EP2 (Young Turks)
Rote Lippen, goldener Schmuck und ellenlange Wimpern als mechanischer Apparat? Oder das Geschöpf eines mitleidenden de Sade, vielleicht ein Alien dessen Augen, nachdem sie eine kristallne Träne weinten ins riesenhafte anschwillen oder doch nur das etwas einsame Mädchen aus Gloucestershire?
3. New Jackson - Sat around here waiting (Hivern Discs)
Stimmen wie von verstaubten Nadeln abgetastet zu einer angriffslustigen Tanzflächenmelancholie, die Dir einfach ein Bein stellt, weil sich ja auch darin eine Extase finden ließe. Doch Du wartest, wie immer.
4. Chinawoman - Kiss in Taksim Square (Self released)
Etwas von Borsigs "Hiroshima", so denke ich stets, dabei ist der Hedonismus in der politischen Geste hier bewusst und eigentlich unverfänglich, Freiheit und darin hinein sägende Gitarren. "Wir waren so glücklich"...
5. Les Fils du Calvaire - Femme d'Affaires (Circus Company)
Das war vielleicht gar nicht politisch gedacht und musste dann doch auf Chinawomans Pfad auf eine neue Welle von Ausgrenzungen, nicht nur in Frankreich, antworten. Grimmig aber schon im eigentlichen Anliegen, der Beschreibung des Rumschweifens.
6. JaKönigJa - Ich bin Stoff und du bist Geist (Hanseplatte)
Der schweift auch , aber in Worten durch ein Haus aus Worten. Diese Faccette des Lebens in den alten Gemäuern an den sturmumtobten Hamburger Klippen lässt sich von der eigenen Beschwingtheit nicht ins Bockshorn jagen. Vertraute Fremde.
7. Boy Friend – Secret City EP (Night People)
Tragödien, solche zu denen Tauben weinen hinter den Schleiern, die sich als modisches Accessiore doch eigentlich gar nicht im Klang manifestieren müssten. Dabei verdecken sie hier wirklich, statt zu verschleiern, denn die Dramen leben so vielstimmig, wie auf dem wundervollen Album aus dem Vorjahr.
8. Sampha – Dual EP (Young Turks)
Manchmal dachte ich, das sei nun doch ein Clubtrack oder eine Singer Songwriter Platte, aber es lotet den R&B Rest nur in beide Richtungen aus ohne seine Mitte zu verlieren. So verletzt wie er klingt, fast ein Wunder. Ab und an frag ich mich, was Michael McDonald daraus produziert hätte.
9. Sally Dige – Forget Me / Losing You (Night School)
Das Problem, nicht vergessen zu werden oder was es nur ist, das da an einem zerrt. Auch tausendmal praktizierte Verneblungskunde, im Vorführeffekt aber so nachdrücklich! Schwarze Romantik bei Füssli.
10. Golden Teacher - Bells from the deep end (Optimo)
Zähnefletschend feixend über "Just an Illusion" mit Drahtseilen die Tanzfläche umspannen, falls es später beim weiteren Geschehen zu Stürzen kommen sollte. Es ist wohl mitunter viel besser zu fragen, ob man an die Grenze gehen kann, als diese Grenze wirklich aufzuzeigen.
11. Valentina - Wolves (Greco Roman)
Das Problem, nicht vergessen zu werden, da Fangzähne an einem zerren. Hier die praktizierte Fusion im Nebel der Ereignisse: Werde ich mich verwandeln oder kriegen sie mich? Schwarze Romantik bei Kate Bush.
12. JODY - Magique EP (Self released)
Auch so ein bewusst unfertiger R&B. The Rain revisited, Nieseltränen auf dem Heimweg. So viel Elegie gab es nicht mehr nachdem die Penguins bei 4AD aufgehört hatten. Oder nannten sie sich dann nur M.A.R.R.S.?
Photos: These New Puritains von Sabrina Roels
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Mittwoch, 8. Januar 2014
Trou de mémoire?
Im Januar 1983 mochte ich von dem Bisschen was ich so mitbekam nur eine Neuerscheinung, die zweite LP von Lio, "Amour Toujours". Zumindest gefiel ich mir in der Pose als willfähriger Kunde des von Jay Alanski entworfenen Neo-Chanson Stils für Lio. Alles an der Platte erschien mir als Antithese, mal fröhlich, mal introvertiert. Wie gut das in die Zeit passte, bekam ich gar nicht so recht mit. Das Cover präsentierte eine verspielt stilisierte Ästhetik der 50er. Lio lächelt wie aus einem Jacques Tati oder vielleicht René Clément Film. Die Pappmaché Rose auf dem Photo duftete sogar, nachdem man an ihr gekratzt hatte. Ich konnte es in meiner naiven Idealisierung der (Musik-)Welt oder einfach aus ästhetischen Gründen kaum ertragen, daß diese Platte nicht auf einem Indie Label erschienen war. Ausgerechnet das von vielen 20 Superhits Sammlungen bekannte, trashig silberne Ariola Etikett prangte auf dem Vinyl. Ich versuchte mich an der Verbesserung meiner Teenie Welt und bastelte selber Etiketten, angelehnt an den Atatak Stil, so hoffte ich, da mich das Cover von "Amour Toujours" an Moritz Rrr's Grafik erinnerte. Natürlich missglückte das Vorhaben und ich stellte nur eines fertig, etwas schuldig fühle ich mich heute noch, wenn ich die Platte ab und an mal auspacke. An all das dachte ich, da ich eben zufällig erstmals ein Video der Platte sah. Und was zeigt es? - Lio vor einem HSV Wimpel, vermutlich in der "Kennen sie Köln?" Bar! Wie gerne wär' ich an den Drehtagen in Hamburg Statist gewesen, allein, sie hätten mich Bubi eh nicht gelassen.
http://www.dailymotion.com/video/x2coz9_lio-zip-a-doo-wah-1983_music
http://www.dailymotion.com/video/x2coz9_lio-zip-a-doo-wah-1983_music
Montag, 24. Juni 2013
Bobby Bland 1930 - 2013 "Ask me 'bout nothing but the Blues"
Mein liebstes Stück von meinem liebsten Soul
Sänger. Trotz des mir bekannten Upbeats von Motown und Northern Soul
stellte ich mir als Teenie immer eine andere Soul Musik vor, eine, die
geheime Türen zu größten Dramen und unbekannten Empfindungen
öffnen würde. Ich las Rezensionen über zwei Compilations auf dem hippen
Reissue Label Kent, welche diese unbekannte Welt enthalten sollten,
wenn ich die beschreibenden Worte in der Spex recht verstand.
Tatsächlich schreckte mich das Eröffnungsstück von "Cry Cry Crying"
(Kent 030) wortwörtlich zutiefst, Allen Toussaints "From a whisper to a
scream" war wie jener Moment in Albert Lewins "The picture of Doran
Gray" wenn plötzlich das farbige Bild in den schwarz-weissen Film
einbricht: ein ästhetischer Schock. Aber genau das suchte der
Gymnasium-Spätwaver ja. Auf "Pure Soul" (Kent 019), welche ich ein paar
Wochen später (ebenfalls bei Pure Freude) kaufte, war es ein anderes
Stück, was mich über all die andere wunderbare und emotional oft
überfordernde Musik hinweg faszinierte: Bobby Blands "Ask me 'bout nothing (but
the Blues)" erzählte mir von etwas, das ich nicht kannte, die
Verzweiflung eines Erwachsenen, eines Menschen dem Ausgrenzung und
Niederlagen nicht fremd waren, eine Geschichte der schwarzen Musik in
einem Song - und irgendwas in all dem naiven Teenager Empfinden verstand
oder war gerührt von einer Dramatik, die anders war als auf dem
"Lexicon of Love" aber auch meilenweit von Ben Watts Introspektion oder
Eyeless in Gazas Leiden. Über die Jahre hinweg hat sich das Lied
gehalten, es gesellte sich Sam Cookes "A change is gonna come" an seine
Seite und es fiel mir ein, als ich, nun selber Spex Seiten
vollschreibend, nach den tollsten Singles aller Zeiten gefragt wurde. Da
hatte ich es jahrelang nicht gehört und ich weiss, wie ich auf meinen
Bett lag, den karierten Zettel, weil er mathestundenerprobt immer gut
war für Listen, neben mir und ich selber überrascht, vielleicht, weil
ich dachte, es ginge immer weiter oder weil der Song doch eigentlich so
unscheinbar war, fern aller formaler Revolution. Aber manches geht
nicht weiter, manches wurde einmal so gesagt, wie es vielleicht kein
zweites Mal zu sagen ist. Bobby Bland hat diese Aufgabe an anderen Songs
noch ein paar Mal gemeistert und er war auch in Nachmittagskaffeelaune
immer noch in der Lage, den Zauber eines verliebten Sonnenaufgangs zu
vertonen. Doch dieser Moment der absoluten Einsamkeit, der Antwort,
welche keine Lösung beinhaltet, dieses so zurückhaltende wie zugleich
nahezu anmassende Statement, das habe ich irgendwo dort untergebracht
und gut gehütet, wo man es mit Soul tun solle. Ich wage nicht zu
behaupten, das Lied je in seiner Gänze verstanden, im Sinne von Soul
verstanden zu haben und ich bin froh, wenn ich es nie verstehen lerne,
aber ich mag es gut gebettet und zwischen Innigkeit und respektvoller
Distanz gehütet wissen. Nein, das ist nicht mein Leben, aber es ist eine
Lektion in Leben. Danke Bobby Bland.Ein Link zum Song: Bobby Bland - Ask me 'bout nothing (but the Blues)
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Sonntag, 3. März 2013
Vor fast 15 Jahren (Spex 216 revisited)
Vor einigen Wochen fragte ein Facebook Freund nach Glam Rock in Deutschland. Gab es da was? - Schweigen. Tatsächlich war Glam eines der vielen importierten Pop-Phänomene. Aus einer Pressevorführung von Todd Haynes "Velvet Goldmine" erwuchs 1998 die Idee eines Spex Specials. Ich erinnere mich an die Begeisterung, die ich vor allem mit Kurt Kreikenbom teilte. Ein kleiner gemeinsamer Text mit Dechiffrierungshinweisen zu Haynes System der Anspielungen, sowie ein leider nicht mal grandios verklungener Glam Abend im Blue Shell waren Früchte jener Begeisterung. Was mich selbst darüberhinaus dazu brachte, die Frage nach Glam in Deutschland zu stellen, weiß ich nicht mehr genau, aber er führte zu einem der sinnvolleren Vorhaben meines popjournalistischen Tuns: Einige Telefonate, Treffen, Recherchearbeit eben, um eine kleine, kaum wirklich greifbare Geschichte aufzuschreiben. Ich habe über die Jahre öfters an den Text gedacht, nicht zuletzt wegen der Begegnung mit Klaus Dinger. Heute erscheint mir der Text zum Teil als eine vertane Chance. Es auf die Begrenzung der Zeichenzahl zu schieben, wäre nicht ganz richtig. Vielleicht war es der Versuch, meinen persönlichen Hippie Flirt der vorhergehenden 12 Jahre abzuschütteln oder nur ein didaktischer Trick um Grenzen aufzuzeigen, doch es stören mich heute Begriffe und Wertungen. Andererseits bleibt der Text eben ein kleiner Einblick in eine Zeit, welche zu wutschnaubenden Leserbriefen in der SOUNDS führte und die einen Wandel ankündigte, dessen Revival in den 90ern dann doch etwas trist ausfiel. Gerade posiert auf dem H&M Poster ein Mädchen mit Tammy Wynette Frisur, trashigem Nietenjackett und E-Gitarre. Es geht wieder los. Also, vielleicht als Anlass zu weiterer Recherche oder einfach nur so:
A GERMAN GLITZER-GESCHICHTE
ALLES HALBSTARKE
Vor einigen Wochen sah ich im Fernsehen Ausschnitte aus einer Wochenschau von 1958. Elvis, der suspekte amerikanische Jugendverführer, musste gerade seinen Gl-Dienst in Deutschland ableisten und wurde offensichtlich direkt nach seiner Ankunft zu einem Rock 'n'Roll- Nachwuchswettbewerb geschleppt. Der zynische Kommentar des Sprechers mündet in eine an Elvis gerichtete Weisheit: »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.«
Was mich an den Bildern dieses Wettbewerbs faszinierte, war nicht, daß es eine musikalische Reaktion auf Rock 'n'Roll in Deutschland gab, sondern, wie dieser wilde Lärm, der nur noch vom radebrechenden Englisch des jeweiligen Sängers übertönt wurde, explodierte, und dabei in keiner Relation selbst zu den gelungensten Aufnahmen heimischer Rock'n'Roller wie Ted Herold oder Jeff Jackson [Paul Würges] stand. Der Lärm fand seine Entsprechung eher in den Ausschreitungen, die zwischen '56 und '58 regelmäßig im Anschluß an Rock'n'Roll- Filmvorführungen in diversen Großstädten stattfanden. Diese betont männliche Kultur der »Halbstarken« stellte keinen politischen Anspruch, der dem existentialistischer Studentencafés vergleichbar gewesen wäre, sie forderte nur: »Wir wollen Rock'n'Roll!«
Während die späteren Glam-Protagonisten sich noch in einer Lebensphase irgendwo zwischen Kinderwagen und Grundschule befanden, verloren fast zeitgleich mit der legendären ersten Rock'n'Roll-Krise die Befreiungsversuche der »Halbstarken« aus dem Nachkriegsmief an Bedeutung. Einzelne begründeten noch die Motorrad-und-Lederkombi-Rockerkultur, die meisten aber wurden einfach erwachsen und verschwanden spurlos in der Arbeitswelt des Wirtschaftswunders.
KEINE MODS, LAUTER HIPPIES
Da Merseybeat und British Invasion gegen Mitte der Sechziger hierzulande keine nennenswerte Mod-Bewegung hervorbrachten, hieß die nächste relevante Jugend beziehungsweise Protestkultur Hippie. Was da in der zweiten Hälfte der Sechziger als freudig-rebellische Selbsterfahrungs-Partykultur startete, versackte später entweder in politischem Dogmatismus oder gruppentherapeutischem Diskussionszwang, Inhaltismus oder Esoterik. Im Zeichen der Woodstock-Schlammschlacht erschien Stil als obsolet, und all die grausigen Hippie-Klischees begannen sich durchzusetzen, die später in der Friedensbewegung oder in den Pädagogischen Fakultäten ihren endgültigen Tiefpunkt fanden. Derweil etablierten sich Hippies recht schnell auch als Radioredakteure und schufen mit SOUNDS die erste deutsche Zeitung für populäre Musik, die sich nicht an ein Teenie-Publikum wandte. Für die Musikbewertung galt fortan die Formel: kommerziell = anspruchslos. Diesen Bruch mit den Teeniewerten begrenzt auch heute noch (beziehungsweise wieder) das Urteil vieler, egal ob Indie-Klientel oder Elektro-Avantgarde-Fan.
Zu Beginn der Siebziger hießen die Wahlmöglichkeiten für den jungen Hippie, der von den coolen Älteren, die zwei Jahrgangstufen über ihm waren und auf dem Schulhof das Sagen hatten, beachtet und akzeptiert werden wollte: Progressive oder ein Mix aus Westcoast- und Southern-Rock. Natürlich ging auch beides durcheinander, aber wichtig war: Hier spielten versierte, sprich: ernsthafte Musiker Stücke, die schon allein durch ihre Länge völlig unkommerziell waren. Ich bin mir nicht sicher, ob den Schulhofkönigen jemals in den Sinn kam, irgendwer könnte sich über so ein tiefempfunden stimmiges Weltbild hinwegsetzen.
Als 1972 der geschminkte Alice Cooper mit seiner Horror-Hardrockshow auch den ein oder anderen seriösen SOUNDS-Mitarbeiter zu begeistern vermochte, war das noch kein wirkliches Indiz für einen Paradigmenwechsel, denn in den einschlägigen Artikeln wurde vor allem Coopers Showmanship belobigt. Immerhin verärgerte man so Yes- und Gentle Giant-Fans. Aber niemand dachte daran, denen auch noch das neueste Ding aus England vorzusetzen und so mussten andere, zunächst sehr wenige, kommen, die David Bowie und Roxy Music den Weg in deutsche Städte bereiteten
Daß Glam hier überhaupt stattfand, ist von mehr als nur anekdotischem Interesse. In der Zusammenschau mit »Velvet Goldmine« geht einem auf, wieso: da sieht man den künftigen Glitzer-Rock-Star als den coolsten Mod des Schulhofs. Auch die ersten britischen Hippies rekrutierten sich aus Mod-Kreisen: Die Idee, aus einem Stil ganze Identitäten zu konstruieren, war also tief verwurzelt im Bewußtsein einer ganzen Generation. Diese Mod- Szene fehlte nun aber, wie gesagt, hierzulande fast völlig, eine entsprechende Genealogie ist also nicht übertragbar. Die Leute, die hier circa 1972 mit Glam in Verbindung kamen, hatten möglicherweise Velvet Underground, Captain Beefheart oder Alice Cooper gehört; vielleicht störte sie auch nur der allgemeine Hippie-Konsens.
ROCKY HORROR HAMBURG SHOW
Den älteren Hippie-Bruder ärgern zu können, war ein willkommener Nebeneffekt für einen der drei Hamburger Gymnasiasten, die unter den ersten waren, denen die von David Bowie und Roxy Music eröffneten Möglichkeiten aufgingen. Der leider zu früh verstorbene Stefan Ohrt hatte Bowie schon vor dem "Ziggy Stardust"-Durchbruch für sich entdeckt und bildete zusammen mit Nicola Reidenbach und Sven Kirsten eine dieser seltsamen Zufallsgemeinschaften von Menschen, die im rechten Moment zueinanderfinden. Glam funktionierte in Hamburg auch dank der Nähe zu London: Platten, Informationen und Kleidung wurden von der Kings Road nach HH geschleppt. Andere Accessoires konnte man in einem Rockerladen, der bereits seit den Sechzigern auf dem Kiez existierte, besorgen. Lustiger- und gar nicht mal unpassender weise sahen die Rocker in den androgyn gestylten Menschen Geistesverwandte, mit denen man eine Abneigung gegen Kifferhippies teilte. Mit ihrer Idee von Rockerästhetik zielte die ganz junge Suzi Quatro genau auf diese Schnittmenge.
Ein weiterer Faktor sprach für Hamburg als Schauplatz: Die Reeperbahn garantierte für einen Sexmarkt, dessen Möglichkeiten scheinbar weniger im Widerspruch mit der in Glam angelegten Auflösung von Gender-Identitäten stand, als die durchschnittliche Hippiemoral. Dabei berührten sich Glam und das Reeperbahnambiente nur in einem historischen Moment: dem einzigen Livegig der New York Dolls in der BRD. Neben einem Fernsehauftritt im Musikladem (man erinnere sich an Manfred Sexauer und die Nummerngirls) spielten sie im Salambo, dem einstigen Star-Club,der nun für harte Hetero- sowie Schwulen-Sexshows stand. Auf dem Backcover der zweiten New-York-Dolls-LP sieht man die Band just vor diesem Laden posen. Abseits der Reeperbahn existierte ein Club namens Fucktory, in dem auch Glam-Rock aufgelegt wurde und der ansonsten seinem Namen alle Ehre machte. Was auch immer dort wirklich stattfand, öffentlicher Sex oder gar schwarze Messen, wie es die Lokalpresse unterstellte, es reichte jedenfalls für die Polizei aus, den Club eines Tages ein für allemal dichtzumachen.
Was in »Velvet Goldmine« der Figur des Journalisten in seinen Teenagertagen bei der Selbstfindung half,forderte für andere erstmal nur den Mut zur Pose: Junge Männer bemühten sich plötzlich um ein Bi-Image, das - wenn schon nicht zur Befreiung des Selbst - doch zum Bruch mit dem tendenziös machoistischen Hippiegehabe und zum Spießerärgern in der Straßenbahn taugte. Es mögen in ganz Hamburg ungefähr zehn Leute gewesen sein, die schnell genug reagiert hatten und nun den Spaß haben konnten, auf Parties von Hippies aus bildungsbürgerlichem Elternhaus solange die allgemeinen Gespräche zu boykottieren, bis sie als Faschisten beschimpft wurden. So hatte man auch gleich den Vorwand, den Hausrat ein wenig zu demolieren. Hier kehrte das Halbstarkenethos als Alternative zum Ausdiskutierzwang zurück. Neben dem zur gleichen Zeit stattfindenden ersten Rock' n'Roll- Revival setzte man so Zeichen für das, was mit Punk und danach kommen sollte: Das zu Negierende fand sich nicht in erster Linie bei der Generation der Eltern, sondern mindestens im gleichen Maße auch in der Kultur der älteren Geschwister. Die Argumentation wurde dabei sowohl unnachgiebiger wie strategischer.
Daß die Hippies bei der Hamburger SOUNDS-Redaktion auch nichts kapierten, half fürs erste, den immer wichtiger werdenden hippen Vorsprung zu halten. Was sich gleichzeitig in den Charts anbahnte, interessierte dabei nur wenig. Es leuchtet in mancher Hinsicht völlig ein, aber die Ablehnung aller aufkommenden Teenieversionen von Glam (mit Ausnahme von T. Rex) wiederholte leider auch das Anspruch-versus-Trash-Klischee der SOUNDS. Nicola Reidenbach und Sven Kirsten stutzen beide schon bei der Erwähnung des Begriffes Glam-Rock: »Glam, das waren doch The Sweet oder Slade, damit hatte ich nix am Hut.« Andererseits konnte man nun auch spaßeshalber wieder Bravo lesen, denn alles was dem »großen Sinn« (für den eben Hippies standen) ein Schnippchen schlug, war nützlich.
LA DÜSSELDORF, MUNICH
Weiter südlich, in Düsseldorf, spielten Kraftwerk und Neu! schon den Soundtrack für Bowies und Enos Post- Glam-Phase. Die dortige Szene zwischen Kunsthochschule und aufkommender Werbewirtschaft war ein starkes Gegengewicht zum Hippie-Konsens, Das Schaffen von Klaus Dinger (Ex-Kraftwerk, -Neu!, -La Düsseldorf und heute La!Neu?) besitzt dabei einige Gemeinsamkeiten mit Glam. »Ziggy Stardust traf für mich recht gut den Geist der Zeit« erzählt er, um eine Ecke seines eigenen Paralleluniversums zu beschreiben. Hier wie dort wurde bewußt Pop Art interpretiert, und im Unterschied zur (rückwärtsweisenden) Entdeckung des Zitats bei Roxy Music und Bowie erschloß Dinger (vorausdeutend) neue Technologien, um sie für eine eigene Ästhetik zu verwenden. Wenige Jahre später war Düsseldorf dann Schauplatz der ersten deutschen Punkszene.
Noch weiter südlich wurde Glam emphatischer rezipiert und zelebriert als anderswo. Ingeborg Schober erzählt, daß die ersten gestylten Menschen 1972 beim Queen-Konzert in München auftauchten. Als ein Jahr darauf Roxy Music das heutige Volkstheater beehrten, glich die Szenerie keineswegs den bemitleidenswerten Bildern von einem deutschen Roxy-Publlkum im letzten Whirpool-Video. Viele waren geschminkt, hatten die langen Haare abgeschnitten und gefärbt, trugen enge, hochgekrempelte Hosen, hohe Stiefel mit oder ohne Plateausohlen und silberne Bolerojäckchen. Nicht nur für einen Ex-Amon Düül- und Embryo-Musiker wie Jörg Evers war das ein willkommener Anlass, dem Hippiekommunen-Diktat zu entkommen. München tat sich nicht schwer mit dem Wandel, stellte die Stadt doch schon seit Mitte der Sechziger ihren Anspruch als flexible Modestadt unter Beweis. Hier antworteten ansässige junge Modemacher schnell auf das neuerwachte Bedürfnis nach Style und ersetzten so die fehlende geographische Anbindung an London oder Amsterdam. Wenn das silberbejackte Glitzerpublikum dann zwei Jahre später einem Bryan Ferry im weißen Tuxedo gegenüberstand, zeigte sich dabei auch ein amüsanter Zeitverzögerungseffekt.
Immerhin: Das Tiffany, vorher zum Live-Club abgestiegen, fungierte wieder als Disco, wo nun Glam und Philly-Sound zusammenklangen. Dazu tanzte die Szene um die Filmhochschule (Cleo Kretschmer etwa war überzeugter Roxy-Music-Fan), und in irgendwelchen Ecken wurde der »Sound of Munich« vorbereitet. Noch deutlicher reagierten einige Musiker um Jörg Evers: Anfang 1974 veröffentlichten sie als 18 Karat Gold mit »All-Bumm« die erste und einzige deutsche Glam-Rock- LP (sieht man mal von einigen Glam-Spuren bei Can und Kraan ab). Zu dieser Zeit war dann auch SOUNDS bereit, diese Platte als Alternative zum Krautrockverdruß anzupreisen. Bis dahin waren der »England-Korrespondent« Duncan Fallowell und Ingeborg Schober mit ihren Vorlieben allein auf weiter Flur gewesen. Besonders Frauen meldeten sich laut Ingeborg Schober auf Ihre hart erkämpften Artikel und Radiosendungen hin. Einerseits berührte das Konzept der Androgynität vor allem die männliche Sexualität, denn außer Suzi Ouatro mangelte es an weiblichen Glam-Rock-Figuren (was im schlimmsten Fall nur alte Rollenmodelle verfestigte). Andererseits bot Marc Bolan für viele Mädchen eine faire Alternative zu Led Zeppelins Jungsmusik mit Machoposen und befreite Frauen vom Wollpulloverdiktat,
STARDUST
Zweifelsöhne war Glam eine Laune, mußte eine Laune sein. Dort, wo es glitzerte, wechselten die Identitäten und Moden natürlich kontinuierlich und ließen genug Platz für einen Pragmatismus, der den Hippies nicht geheuer war. So passte man sich für den Besuch bei der eigentlich doch ganz netten Hippie Tante auf dem Land auch mal entsprechend an, um Konflikten oder Stil-Fragen aus: dem Weg zu gehen Die Ökos selber zeigten sich recht resistent gegen alles, was mit Glam hierzulande seinen Anfang nahm. Weder die Popper, die den Hedonismus von Glam bald in eine neoliberale Ideologie verfrachteten, noch Punk konnten ihnen wirklich viel anhaben, Sie predigten weiterhin: »sei selbstauthentisch«, hatten aber gelernt, wie man damit Geld verdient. Glam wiederum führte nicht selten zu Medien- oder Werbe-Karrieren.
Das Spiel mit Identitäten schillerte noch mal Anfang der Achtziger (siehe auch Ingeborg Schobers Beitrag im Sammelband »But I like it«, Reclam Junior), und diesmal war auch SOUNDS auf der Höhe der Zeit (sowie auf dem Weg in den Konkurs). Wie sich Ironisierung und Zitat als Strategie selbst abschafften und dann doch wieder auftauchten, wussten diese Seiten regelmäßig zu berichten, und vergaßen darüber irgendwann, wie der Soundtrack für die besseren jugendlichen Seifenopern klingen könnte.
Oliver Tepel
Danke für Informationen und Unterstützung an Ingeborg Schober, Nicola Reidenbach, Sven Kirsten, Jörg Evers, Klaus Dinger, Diedrich Diederichsen, Manfred von Papen, Petra Fuchs & Stefan Wood sowie Horst Knies.
[Erschienen in: SPEX 216 - November 1998]
A GERMAN GLITZER-GESCHICHTEALLES HALBSTARKE
Vor einigen Wochen sah ich im Fernsehen Ausschnitte aus einer Wochenschau von 1958. Elvis, der suspekte amerikanische Jugendverführer, musste gerade seinen Gl-Dienst in Deutschland ableisten und wurde offensichtlich direkt nach seiner Ankunft zu einem Rock 'n'Roll- Nachwuchswettbewerb geschleppt. Der zynische Kommentar des Sprechers mündet in eine an Elvis gerichtete Weisheit: »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.«
Was mich an den Bildern dieses Wettbewerbs faszinierte, war nicht, daß es eine musikalische Reaktion auf Rock 'n'Roll in Deutschland gab, sondern, wie dieser wilde Lärm, der nur noch vom radebrechenden Englisch des jeweiligen Sängers übertönt wurde, explodierte, und dabei in keiner Relation selbst zu den gelungensten Aufnahmen heimischer Rock'n'Roller wie Ted Herold oder Jeff Jackson [Paul Würges] stand. Der Lärm fand seine Entsprechung eher in den Ausschreitungen, die zwischen '56 und '58 regelmäßig im Anschluß an Rock'n'Roll- Filmvorführungen in diversen Großstädten stattfanden. Diese betont männliche Kultur der »Halbstarken« stellte keinen politischen Anspruch, der dem existentialistischer Studentencafés vergleichbar gewesen wäre, sie forderte nur: »Wir wollen Rock'n'Roll!«
Während die späteren Glam-Protagonisten sich noch in einer Lebensphase irgendwo zwischen Kinderwagen und Grundschule befanden, verloren fast zeitgleich mit der legendären ersten Rock'n'Roll-Krise die Befreiungsversuche der »Halbstarken« aus dem Nachkriegsmief an Bedeutung. Einzelne begründeten noch die Motorrad-und-Lederkombi-Rockerkultur, die meisten aber wurden einfach erwachsen und verschwanden spurlos in der Arbeitswelt des Wirtschaftswunders.
KEINE MODS, LAUTER HIPPIES
Da Merseybeat und British Invasion gegen Mitte der Sechziger hierzulande keine nennenswerte Mod-Bewegung hervorbrachten, hieß die nächste relevante Jugend beziehungsweise Protestkultur Hippie. Was da in der zweiten Hälfte der Sechziger als freudig-rebellische Selbsterfahrungs-Partykultur startete, versackte später entweder in politischem Dogmatismus oder gruppentherapeutischem Diskussionszwang, Inhaltismus oder Esoterik. Im Zeichen der Woodstock-Schlammschlacht erschien Stil als obsolet, und all die grausigen Hippie-Klischees begannen sich durchzusetzen, die später in der Friedensbewegung oder in den Pädagogischen Fakultäten ihren endgültigen Tiefpunkt fanden. Derweil etablierten sich Hippies recht schnell auch als Radioredakteure und schufen mit SOUNDS die erste deutsche Zeitung für populäre Musik, die sich nicht an ein Teenie-Publikum wandte. Für die Musikbewertung galt fortan die Formel: kommerziell = anspruchslos. Diesen Bruch mit den Teeniewerten begrenzt auch heute noch (beziehungsweise wieder) das Urteil vieler, egal ob Indie-Klientel oder Elektro-Avantgarde-Fan.
Zu Beginn der Siebziger hießen die Wahlmöglichkeiten für den jungen Hippie, der von den coolen Älteren, die zwei Jahrgangstufen über ihm waren und auf dem Schulhof das Sagen hatten, beachtet und akzeptiert werden wollte: Progressive oder ein Mix aus Westcoast- und Southern-Rock. Natürlich ging auch beides durcheinander, aber wichtig war: Hier spielten versierte, sprich: ernsthafte Musiker Stücke, die schon allein durch ihre Länge völlig unkommerziell waren. Ich bin mir nicht sicher, ob den Schulhofkönigen jemals in den Sinn kam, irgendwer könnte sich über so ein tiefempfunden stimmiges Weltbild hinwegsetzen.
Als 1972 der geschminkte Alice Cooper mit seiner Horror-Hardrockshow auch den ein oder anderen seriösen SOUNDS-Mitarbeiter zu begeistern vermochte, war das noch kein wirkliches Indiz für einen Paradigmenwechsel, denn in den einschlägigen Artikeln wurde vor allem Coopers Showmanship belobigt. Immerhin verärgerte man so Yes- und Gentle Giant-Fans. Aber niemand dachte daran, denen auch noch das neueste Ding aus England vorzusetzen und so mussten andere, zunächst sehr wenige, kommen, die David Bowie und Roxy Music den Weg in deutsche Städte bereiteten
Daß Glam hier überhaupt stattfand, ist von mehr als nur anekdotischem Interesse. In der Zusammenschau mit »Velvet Goldmine« geht einem auf, wieso: da sieht man den künftigen Glitzer-Rock-Star als den coolsten Mod des Schulhofs. Auch die ersten britischen Hippies rekrutierten sich aus Mod-Kreisen: Die Idee, aus einem Stil ganze Identitäten zu konstruieren, war also tief verwurzelt im Bewußtsein einer ganzen Generation. Diese Mod- Szene fehlte nun aber, wie gesagt, hierzulande fast völlig, eine entsprechende Genealogie ist also nicht übertragbar. Die Leute, die hier circa 1972 mit Glam in Verbindung kamen, hatten möglicherweise Velvet Underground, Captain Beefheart oder Alice Cooper gehört; vielleicht störte sie auch nur der allgemeine Hippie-Konsens.
ROCKY HORROR HAMBURG SHOW
Den älteren Hippie-Bruder ärgern zu können, war ein willkommener Nebeneffekt für einen der drei Hamburger Gymnasiasten, die unter den ersten waren, denen die von David Bowie und Roxy Music eröffneten Möglichkeiten aufgingen. Der leider zu früh verstorbene Stefan Ohrt hatte Bowie schon vor dem "Ziggy Stardust"-Durchbruch für sich entdeckt und bildete zusammen mit Nicola Reidenbach und Sven Kirsten eine dieser seltsamen Zufallsgemeinschaften von Menschen, die im rechten Moment zueinanderfinden. Glam funktionierte in Hamburg auch dank der Nähe zu London: Platten, Informationen und Kleidung wurden von der Kings Road nach HH geschleppt. Andere Accessoires konnte man in einem Rockerladen, der bereits seit den Sechzigern auf dem Kiez existierte, besorgen. Lustiger- und gar nicht mal unpassender weise sahen die Rocker in den androgyn gestylten Menschen Geistesverwandte, mit denen man eine Abneigung gegen Kifferhippies teilte. Mit ihrer Idee von Rockerästhetik zielte die ganz junge Suzi Quatro genau auf diese Schnittmenge.
Ein weiterer Faktor sprach für Hamburg als Schauplatz: Die Reeperbahn garantierte für einen Sexmarkt, dessen Möglichkeiten scheinbar weniger im Widerspruch mit der in Glam angelegten Auflösung von Gender-Identitäten stand, als die durchschnittliche Hippiemoral. Dabei berührten sich Glam und das Reeperbahnambiente nur in einem historischen Moment: dem einzigen Livegig der New York Dolls in der BRD. Neben einem Fernsehauftritt im Musikladem (man erinnere sich an Manfred Sexauer und die Nummerngirls) spielten sie im Salambo, dem einstigen Star-Club,der nun für harte Hetero- sowie Schwulen-Sexshows stand. Auf dem Backcover der zweiten New-York-Dolls-LP sieht man die Band just vor diesem Laden posen. Abseits der Reeperbahn existierte ein Club namens Fucktory, in dem auch Glam-Rock aufgelegt wurde und der ansonsten seinem Namen alle Ehre machte. Was auch immer dort wirklich stattfand, öffentlicher Sex oder gar schwarze Messen, wie es die Lokalpresse unterstellte, es reichte jedenfalls für die Polizei aus, den Club eines Tages ein für allemal dichtzumachen.
Was in »Velvet Goldmine« der Figur des Journalisten in seinen Teenagertagen bei der Selbstfindung half,forderte für andere erstmal nur den Mut zur Pose: Junge Männer bemühten sich plötzlich um ein Bi-Image, das - wenn schon nicht zur Befreiung des Selbst - doch zum Bruch mit dem tendenziös machoistischen Hippiegehabe und zum Spießerärgern in der Straßenbahn taugte. Es mögen in ganz Hamburg ungefähr zehn Leute gewesen sein, die schnell genug reagiert hatten und nun den Spaß haben konnten, auf Parties von Hippies aus bildungsbürgerlichem Elternhaus solange die allgemeinen Gespräche zu boykottieren, bis sie als Faschisten beschimpft wurden. So hatte man auch gleich den Vorwand, den Hausrat ein wenig zu demolieren. Hier kehrte das Halbstarkenethos als Alternative zum Ausdiskutierzwang zurück. Neben dem zur gleichen Zeit stattfindenden ersten Rock' n'Roll- Revival setzte man so Zeichen für das, was mit Punk und danach kommen sollte: Das zu Negierende fand sich nicht in erster Linie bei der Generation der Eltern, sondern mindestens im gleichen Maße auch in der Kultur der älteren Geschwister. Die Argumentation wurde dabei sowohl unnachgiebiger wie strategischer.
Daß die Hippies bei der Hamburger SOUNDS-Redaktion auch nichts kapierten, half fürs erste, den immer wichtiger werdenden hippen Vorsprung zu halten. Was sich gleichzeitig in den Charts anbahnte, interessierte dabei nur wenig. Es leuchtet in mancher Hinsicht völlig ein, aber die Ablehnung aller aufkommenden Teenieversionen von Glam (mit Ausnahme von T. Rex) wiederholte leider auch das Anspruch-versus-Trash-Klischee der SOUNDS. Nicola Reidenbach und Sven Kirsten stutzen beide schon bei der Erwähnung des Begriffes Glam-Rock: »Glam, das waren doch The Sweet oder Slade, damit hatte ich nix am Hut.« Andererseits konnte man nun auch spaßeshalber wieder Bravo lesen, denn alles was dem »großen Sinn« (für den eben Hippies standen) ein Schnippchen schlug, war nützlich.
LA DÜSSELDORF, MUNICH
Weiter südlich, in Düsseldorf, spielten Kraftwerk und Neu! schon den Soundtrack für Bowies und Enos Post- Glam-Phase. Die dortige Szene zwischen Kunsthochschule und aufkommender Werbewirtschaft war ein starkes Gegengewicht zum Hippie-Konsens, Das Schaffen von Klaus Dinger (Ex-Kraftwerk, -Neu!, -La Düsseldorf und heute La!Neu?) besitzt dabei einige Gemeinsamkeiten mit Glam. »Ziggy Stardust traf für mich recht gut den Geist der Zeit« erzählt er, um eine Ecke seines eigenen Paralleluniversums zu beschreiben. Hier wie dort wurde bewußt Pop Art interpretiert, und im Unterschied zur (rückwärtsweisenden) Entdeckung des Zitats bei Roxy Music und Bowie erschloß Dinger (vorausdeutend) neue Technologien, um sie für eine eigene Ästhetik zu verwenden. Wenige Jahre später war Düsseldorf dann Schauplatz der ersten deutschen Punkszene.
Noch weiter südlich wurde Glam emphatischer rezipiert und zelebriert als anderswo. Ingeborg Schober erzählt, daß die ersten gestylten Menschen 1972 beim Queen-Konzert in München auftauchten. Als ein Jahr darauf Roxy Music das heutige Volkstheater beehrten, glich die Szenerie keineswegs den bemitleidenswerten Bildern von einem deutschen Roxy-Publlkum im letzten Whirpool-Video. Viele waren geschminkt, hatten die langen Haare abgeschnitten und gefärbt, trugen enge, hochgekrempelte Hosen, hohe Stiefel mit oder ohne Plateausohlen und silberne Bolerojäckchen. Nicht nur für einen Ex-Amon Düül- und Embryo-Musiker wie Jörg Evers war das ein willkommener Anlass, dem Hippiekommunen-Diktat zu entkommen. München tat sich nicht schwer mit dem Wandel, stellte die Stadt doch schon seit Mitte der Sechziger ihren Anspruch als flexible Modestadt unter Beweis. Hier antworteten ansässige junge Modemacher schnell auf das neuerwachte Bedürfnis nach Style und ersetzten so die fehlende geographische Anbindung an London oder Amsterdam. Wenn das silberbejackte Glitzerpublikum dann zwei Jahre später einem Bryan Ferry im weißen Tuxedo gegenüberstand, zeigte sich dabei auch ein amüsanter Zeitverzögerungseffekt.
Immerhin: Das Tiffany, vorher zum Live-Club abgestiegen, fungierte wieder als Disco, wo nun Glam und Philly-Sound zusammenklangen. Dazu tanzte die Szene um die Filmhochschule (Cleo Kretschmer etwa war überzeugter Roxy-Music-Fan), und in irgendwelchen Ecken wurde der »Sound of Munich« vorbereitet. Noch deutlicher reagierten einige Musiker um Jörg Evers: Anfang 1974 veröffentlichten sie als 18 Karat Gold mit »All-Bumm« die erste und einzige deutsche Glam-Rock- LP (sieht man mal von einigen Glam-Spuren bei Can und Kraan ab). Zu dieser Zeit war dann auch SOUNDS bereit, diese Platte als Alternative zum Krautrockverdruß anzupreisen. Bis dahin waren der »England-Korrespondent« Duncan Fallowell und Ingeborg Schober mit ihren Vorlieben allein auf weiter Flur gewesen. Besonders Frauen meldeten sich laut Ingeborg Schober auf Ihre hart erkämpften Artikel und Radiosendungen hin. Einerseits berührte das Konzept der Androgynität vor allem die männliche Sexualität, denn außer Suzi Ouatro mangelte es an weiblichen Glam-Rock-Figuren (was im schlimmsten Fall nur alte Rollenmodelle verfestigte). Andererseits bot Marc Bolan für viele Mädchen eine faire Alternative zu Led Zeppelins Jungsmusik mit Machoposen und befreite Frauen vom Wollpulloverdiktat,
STARDUST
Zweifelsöhne war Glam eine Laune, mußte eine Laune sein. Dort, wo es glitzerte, wechselten die Identitäten und Moden natürlich kontinuierlich und ließen genug Platz für einen Pragmatismus, der den Hippies nicht geheuer war. So passte man sich für den Besuch bei der eigentlich doch ganz netten Hippie Tante auf dem Land auch mal entsprechend an, um Konflikten oder Stil-Fragen aus: dem Weg zu gehen Die Ökos selber zeigten sich recht resistent gegen alles, was mit Glam hierzulande seinen Anfang nahm. Weder die Popper, die den Hedonismus von Glam bald in eine neoliberale Ideologie verfrachteten, noch Punk konnten ihnen wirklich viel anhaben, Sie predigten weiterhin: »sei selbstauthentisch«, hatten aber gelernt, wie man damit Geld verdient. Glam wiederum führte nicht selten zu Medien- oder Werbe-Karrieren.
Das Spiel mit Identitäten schillerte noch mal Anfang der Achtziger (siehe auch Ingeborg Schobers Beitrag im Sammelband »But I like it«, Reclam Junior), und diesmal war auch SOUNDS auf der Höhe der Zeit (sowie auf dem Weg in den Konkurs). Wie sich Ironisierung und Zitat als Strategie selbst abschafften und dann doch wieder auftauchten, wussten diese Seiten regelmäßig zu berichten, und vergaßen darüber irgendwann, wie der Soundtrack für die besseren jugendlichen Seifenopern klingen könnte.
Oliver Tepel
Danke für Informationen und Unterstützung an Ingeborg Schober, Nicola Reidenbach, Sven Kirsten, Jörg Evers, Klaus Dinger, Diedrich Diederichsen, Manfred von Papen, Petra Fuchs & Stefan Wood sowie Horst Knies.
[Erschienen in: SPEX 216 - November 1998]
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