Er spürte was kommen würde. Und so schwang Pete Seeger die Axt. Wie wütend muss er ausgesehen haben und wie verzweifelt, als er 1965 auf dem Newport Folk Festival die Leitung zum Gitarrenverstärker Bob Dylans kappen wollte. Allein, er wollte nur, denn wie jeder andere auf dem Newport Folk Festival, trug auch er kein Beil mit sich herum. Er machte vielmehr wohl nur einen zornigen Kommentar, in Anlehnung an sein eigenes Stück „If I had a hammer“.
Es war Dylans erster und daher bald legendärer Auftritt im neuen Sound. Bis heute spekulieren die Zeitzeugen und Historiker, wer, aus welchen Gründen buhte, auch das gehört zum Mythos, wenngleich die Buhrufe tatsächlich überliefert sind. Denn auch Andere, im Publikum, aber auch Musiker wie der große britische Folk Sänger Ewan McColl, kritisierten Dylan für seinen neuen musikalischen Kurs, sowie jene, die ihm zujubelten. „Nourished on the watery pap of pop music“, schrieb McColl über die in seinen Augen komplett unkritischen Fans. Nicht nur Seeger verstand den Moment. Aber es ist nicht von ungefähr, daß er zum Symbol dieser Trennung wurde, eine Trennung, die keines Beilhiebs bedurfte. Später war es ihm unangenehm. Er sagte, er habe sich nur daran gestört, daß man Dylans Stimme nicht mehr hören konnte. Es ist nicht schmeichelhaft, wenn Andere, wie Peter Yarrow oder Joe Boyd seine Version revidierten, sich aber stets mit einem gewissen Respekt zurückhielten, während sie die tatsächlichen Umstände andeuteten, nicht schmeichelhaft auch für sie selbst. Andererseits: sie waren alle für eine andere Welt und diese Welt schien vielen auf einmal greifbar, ohne Krieg, sondern mit der Energie, welche die Beatles freisetzten. Verständlich, daß Dylan daran teilhaben wollte. Aber dieser neue Sound war eben nicht alleine Mittel zum Zweck, sondern das Medium war die Nachricht: elektrisierend.
Pete Seeger hatte allen Grund zum Zweifel. Er hatte für die kommunistische Bewegung in den USA gekämpft, für streikende Arbeiter und Kriegsgegner, war ausgegrenzt und gar verfolgt worden, selbst als Patriot im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland. Da sangen er und Woody Guthrie mit ihrer Band, den Almanac Singers „Round and Round Hitler’s Grave“, doch die Rechten in den USA wähnten sogar hier Unterwanderung. Als Woody Guthrie 1943 „This machine kills fascists“ auf seine Gitarre schieb, nahm er rebellische Pop Posen um zwei Jahrzehnte vorweg. Nur, für ihn war es keine Pose, wenngleich er mit seiner Gitarre wahrscheinlich keinen einzigen Faschisten getötet haben wird, so war sie eben doch eine Maschine, ein Werkzeug. Und ein Song war eine Ansammlung von Werkzeugen, ein Apparat, der das Denken verändern sollte. Daß dieser Apparat auch die Sinne, den Wunsch, Lieder mitzusingen oder gar zum Klang der Musik eine gute Zeit zu haben, miteinschloss, war bekannt. Die darin verborgenen Widersprüche wusste der karge und klassizistische Folk jener Tage gut vor sich selber zu verbergen. Die emotionale Wirkung, sie wurde verstanden, gesucht und gefürchtet zugleich.
Aber die hieraus resultierende Zurückhaltung verging nun, nach den Beatles oder präziser, als das gefeiertste Talent einer neuen Generation des Folks, einer der Jungen, welche die Fackel weitertragen sollten, überlief. Nicht allein zu einer neuen Generation von Maschinen, sondern auch zu dem, was sie verhiessen: den großen Spaß und vor allem: das große Ich!
Man kann darüber debattieren, ob Pete Seegers Ich nicht auch groß genug war, denn seine Popstarkarriere wurde 1953 jäh unterbrochen, nachdem er 1950 mit den Weavers schon wochenlang an der Spitze der Charts verbracht hatte. Der Staat war gegen ihn, die großen Radiostationen spielten seine Musik nicht mehr und die Weavers waren bald am Ende. Um so bekannt zu sein, wie er war, musste Seeger bereits in das Popgeschäft, auch wenn er den Folksong als etwas begriff, was man zusammen singen sollte um ihn am Leben zu erhalten, zu erneuern und vor allem, um Gemeinschaft zu schaffen. Doch er misstraute der Popwelt, trennte sich von den Weavers, weil diese wohl bereit waren, für einen Zigarettenspot zu musizieren. Pop, das Radio und die Platten machten den Weg zu einer besseren Welt nicht weniger zäh.
Tatsächlich glaube ich, daß der in Newport wütende Seeger dies so sah. Vielleicht war es nicht der Lärm der neuen Musik, sondern die Tatsache, daß es den Musikern offenbar auch gefiel, daß man ihr Wort nicht mehr verstand. Gut, das traf nicht auf Dylan zu, der selber mit dem Klang in Newport unzufrieden schien, aber vielleicht war es der Sound dieser elektrifizierten Pop Musik, welche nun auch die Idee der Revolution an sich riss. Es stand nicht mehr die Kraft einer kargen, aber aufrichtigen und mitunter auch mitreissenden Folkmusik gegen den süßlichen Schein ausarrangierter Traumweltlieder, sondern ein enormes Rauschen und Brummen zu einem treibenden Beat übertönte energetisch die Stimme dessen, der was zu sagen hatte. Und die neuen Stimmen, was sagen sie? - Ich, ich, ich!
Das schlechte Gewissen mag Seeger gepackt haben, da diese Stimmen bald auch von der Revolution kündeten und mehr junge Menschen ein neues Leben wagten, als er sie je erreichen konnte. Doch eigentlich hatte er Recht und er wusste es auch, wenn er in späteren Jahren vor allem den ganz jungen Dylan wertschätzte, denn das Ich! war nicht mehr aus der Musik wegzubekommen. Die alte Distanz, die klingende Nachricht, die Stimme, welche den Klassenkampf trägt, wurde innerhalb weniger Jahre zu einem „Dancer in the dark“. Nun ist Pete Seeger nicht mehr unter uns. Er war der letzte Zeuge dieser Welt vor der Machtübernahme des Pop. Er wusste sehr wohl, was Menschen bewegte, er berichtete Baynard Woods vom „City Paper“ noch im letzten Jahr über seinen Einfall, ein Lied über Harmonien von Beethovens siebenter Symphonie zu singen und wie die Harmonien ihn an Slawische Lieder erinnerten. Was die Kraft der Musik sei, daß sei ihm immer noch rätselhaft, meinte er einige Jahre zuvor. Daß ihre Energie aber etwas bewirken kann, dafür lebte er. Wie diese Energie die Ziele der Kultur, die er vertrat und die er in Newport versammelt wusste, zerstören kann, das wird er 1965 verstanden haben, als er hörte, wie der Sound das Wort ablöste.
In Memoriam Peter "Pete" Seeger *3. Mai 1919 † 27. Januar 2014.
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Mittwoch, 29. Januar 2014
Donnerstag, 3. September 2009
She's still there with the Zombies (Oder: 45ypm)
Es ist ja nicht so, als würde man heute "Woodstock" 40 Jahre später, als seltsam schräges Histörchen vermarkten. Nein, trotz aller behaupteten Diszanz zum Hippietum strahlt aus einem großen Teil der dort vorgetragenen Musik immer noch eine unmittelbare Kraft, eine, an der Menschen teilhaben wollen.

Wenn man noch mal fünf Jahre weiter zurück geht, findet man in den Charts des Jahres 1964 Stücke, die heute immer noch begeistern, als cool gelten, auf Partys Menschen tanzen lassen oder dem Hörer ein Identifikationspotenzial bieten, welches nichts mit sentimentaler Verklärung, sondern Gefühlen im Hier und Jetzt zu tun hat. Nur deswegen können Amy Winehouse oder Duffy aktuell funktionieren.
1964: She Loves You - Beatles (USA), Can’t Buy Me Love - Beatles (USA), A Hard Day’s Night - Beatles, My Guy - Mary Wells, Where Did Our Love Go - Supremes, Baby Love - Supremes, Come See About Me - Supremes, Talking About My Baby - Impressions, Baby Don’t You Do It - Marvin Gaye, The Way You Do The Things You Do - Temptations, Live Wire - Martha & Vandellas, Dancing In The Streets - Martha & Vandellas, Anyone Who Had a Heart - Dionne Warwick, You Really Got Me - Kinks und She’s Not There - Zombies.
Nimmt man selbst solche Stücke dazu, die heute ein wenig veraltet klingen: You’ve Lost That Lovin’ Feelin’ - Righteous Brothers, I Feel Fine - Beatles, Any Way You Want It - Dave Clark Five, Glad All Over - Dave Clark Five, Needles and Pins - Searchers, Dance, Dance, Dance - Beach Boys, Pretty Woman - Roy Orbison oder Cousin Of Mine - Sam Cooke,
ja gar solche, die zu ihrer Zeit etwas veraltet schienen oder eine just vergangene Epoche markierten: Do Wah Diddy Diddy - Manfred Mann, Promised Land - Chuck Berry, Louie Louie - Kingsmen oder Viva Las Vegas - Elvis Presley,
so entsteht eine ellenlange, irre beeindruckende Liste großartiger Evergreens. Und das war und ist keinesfalls immer so. Vielmehr erstaunt diese Haltbarkeit der Musik, ihre Jahrzehnte überdauernde Modernität, vergleicht man sie mit einer Liste von Songs, die 1964 genau 45 Jahre alt waren. Man kann sich kaum vorstellen, daß damals junge Menschen auf einer hippen Party (ja nicht mal in einer Art von Retro-Gestus) besonders viel mit schönen Titeln wie "I Wish I Could Shimmy Like My Sister Kate", "Oh By Jingo!" oder "I'm Forever Blowing Bubbles" anfangen konnten. Sie waren alt, uralt, Relikte der Zeit des Grammophons und des Broadway Entertainments.
Was lies sie altern? Sicher ihr augenzwinkernder Ton, der sie schon im Titel von den dramatischen Themen der Stücke anno 1964 abhebt. Die Musik überhöhte diese Dramatik noch, in Gesten harmonischer, rhythmischer und dissonanter Befreiung. Es ist das letzte Jahr bevor die Intellektuellen kommen und die Kraft dieser Musik in etwas ummünzen, das glaubt die Welt aus den Fugen heben zu können. Aber wann zuvor hatte Musik diese Möglichkeiten in sich getragen?
Interessant, daß die vielleicht intellektuellsten Töne in dieser Sammlung die deutlichsten Spuren einer Zeitlichkeit erkennen lassen. Als die Zombies bei einem TV-Playback Auftritt auf einer mit lasziven Damen und spätbarocken Elementen dekorierten Bühne auftreten, blickt Komponist und Keyboarder Rod Argent mit herablassender Grimasse auf die Büste eines unbekannten Komponisten in Lockenperücke. Seine Miene sagt: "Na, hättest Du das auch hinbekommen?" - Die kontemplativ, triste Melodik der Strophen und der manieriert verzweifelte Aufschrei des Refrains, die plötzliche Steigerung des Tempos vor dem letzen Refrain, ja selbst der Harmoniegesang mit seinen gedehnten, halb dissonanten Vokalen, all das war in dieser Kombination völlig neu und ungehört. Der Text erzählt von der schmerzhaften Erinnerung an eine verschwundene Liebe, eine Romantik des Verlusts die sich in kleinen Details (Her voice was soft and cool - Her eyes were clear and bright) aufhält. Die Figur der Verschwundenen zieht im folgenden durch einige weitere Stücke. Im Entsetzen einer neuen, bedrohlichen Realität: Six O'Clock - The Lovin' Spoonful, als gebrochenes Herz eines zu Unbedarften: Katie's Been Gone - Bob Dylan & The Band, in unsagbar verfeinerter Bitterkeit: Coming Back To Me - Jefferson Airplane oder auch als samtiger Schmerz für ein erwachsenes Publikum: The Most Beautiful Girl - Charlie Rich und am Ende in der trügerischen Sehnsucht eines fatalen Wunschdenkens: The Long And Winding Road - Beatles und Simple Twist Of Fate - Bob Dylan. Dann verschwindet diese Konstellation allmählich, verbleibt noch Stil des Sentiments Charlie Richs bei einem erwachsen gewordenen Publikum (etwa in: If I Had It My Way - Kim Weston), doch sie verlässt die jugendliche Pop-Welt. Fast so, wie Lord Byron und die anderen Romantiker, ja am Ende selbst Francoise Sagan aus den Leselisten verschwanden. Es gibt auch heute eine Idee dieser Sprache, auch dieser Empfindungen. Die alten Stücke berühren den Hörer, vielleicht sogar umso mehr im Schatten ihrer aktuellen Abwesenheit. Doch ein kleiner Impuls, ein verräterischer Funke fragt: Was für eine Dramatik! Wofür? Tatsächlich kennt der aktuelle R&B noch Hassarien in denen dem Verletzer, Fremdgeher und Verlasser hinterer gebrüllt wird, er berichtet auch vom Pathos imaginierter Todessehnsüchte in Stimmen, deren Tremologesang eher von enormer Lebensenergie kündet. Doch diese erwähnten kleinen Feinheiten der alten Geschichten, die nicht mal verrieten, was wirklich zwischen Ihr und Ihm war, sie sind verschwunden. Die Zombies waren die ersten großen Meister dieser Geschichte, ihnen gelang es sie mit einer aktuellen, sehr beweglichen Energie zu versehen. Rhythmisch wippen die Musiker im TV-Studio nach vorn und hinten, die psychedelischen Sounds der kommenden Jahre schon vorwegnehmend un
d in den Groove der verlorenen Seele einloggend. Hey, habt ihr sie gesehen? Wo ist sie? Ich irre hier rum. Sie hatte dieses wundervolle Haar und ihre Augen, ach, wenn ich von diesen Augen erzähle! - In Wirklichkeit ist sie nicht weit weg gekommen, sie wollte gar nicht weit weg, wo sollte es auch noch viel besser werden als bei den Zombies? Sie ist da, ganz in der Nähe, Du kannst sie im Moment nicht sehen, aber sie wird auch noch später da sein, in 45 Jahren, ganz sicher.
- So wie der "Royal Garden Blues" aus dem Jahr 1919, welcher als eins der ersten Riff-geprägten Stücke des Dixieland Jazz unter Kennern und Liebhabern auch heute noch gespielt wird? Oder immer noch mit einer Direktheit des Empfindens? Vielleicht irgendwo dazwischen. Sicher aber sind diese Stücke des Jahres 1964 aus einer andern Substanz als das "Pokerface" anno 2009. Ihm bleibt nur die Variation, der Variation einer Variation am Ende einer Geschichte die, wenn nicht 1954, so tatsächlich vor 45 Jahren begonnen hatte.

Wenn man noch mal fünf Jahre weiter zurück geht, findet man in den Charts des Jahres 1964 Stücke, die heute immer noch begeistern, als cool gelten, auf Partys Menschen tanzen lassen oder dem Hörer ein Identifikationspotenzial bieten, welches nichts mit sentimentaler Verklärung, sondern Gefühlen im Hier und Jetzt zu tun hat. Nur deswegen können Amy Winehouse oder Duffy aktuell funktionieren.
1964: She Loves You - Beatles (USA), Can’t Buy Me Love - Beatles (USA), A Hard Day’s Night - Beatles, My Guy - Mary Wells, Where Did Our Love Go - Supremes, Baby Love - Supremes, Come See About Me - Supremes, Talking About My Baby - Impressions, Baby Don’t You Do It - Marvin Gaye, The Way You Do The Things You Do - Temptations, Live Wire - Martha & Vandellas, Dancing In The Streets - Martha & Vandellas, Anyone Who Had a Heart - Dionne Warwick, You Really Got Me - Kinks und She’s Not There - Zombies.
Nimmt man selbst solche Stücke dazu, die heute ein wenig veraltet klingen: You’ve Lost That Lovin’ Feelin’ - Righteous Brothers, I Feel Fine - Beatles, Any Way You Want It - Dave Clark Five, Glad All Over - Dave Clark Five, Needles and Pins - Searchers, Dance, Dance, Dance - Beach Boys, Pretty Woman - Roy Orbison oder Cousin Of Mine - Sam Cooke,
ja gar solche, die zu ihrer Zeit etwas veraltet schienen oder eine just vergangene Epoche markierten: Do Wah Diddy Diddy - Manfred Mann, Promised Land - Chuck Berry, Louie Louie - Kingsmen oder Viva Las Vegas - Elvis Presley,
so entsteht eine ellenlange, irre beeindruckende Liste großartiger Evergreens. Und das war und ist keinesfalls immer so. Vielmehr erstaunt diese Haltbarkeit der Musik, ihre Jahrzehnte überdauernde Modernität, vergleicht man sie mit einer Liste von Songs, die 1964 genau 45 Jahre alt waren. Man kann sich kaum vorstellen, daß damals junge Menschen auf einer hippen Party (ja nicht mal in einer Art von Retro-Gestus) besonders viel mit schönen Titeln wie "I Wish I Could Shimmy Like My Sister Kate", "Oh By Jingo!" oder "I'm Forever Blowing Bubbles" anfangen konnten. Sie waren alt, uralt, Relikte der Zeit des Grammophons und des Broadway Entertainments.
Was lies sie altern? Sicher ihr augenzwinkernder Ton, der sie schon im Titel von den dramatischen Themen der Stücke anno 1964 abhebt. Die Musik überhöhte diese Dramatik noch, in Gesten harmonischer, rhythmischer und dissonanter Befreiung. Es ist das letzte Jahr bevor die Intellektuellen kommen und die Kraft dieser Musik in etwas ummünzen, das glaubt die Welt aus den Fugen heben zu können. Aber wann zuvor hatte Musik diese Möglichkeiten in sich getragen?
Interessant, daß die vielleicht intellektuellsten Töne in dieser Sammlung die deutlichsten Spuren einer Zeitlichkeit erkennen lassen. Als die Zombies bei einem TV-Playback Auftritt auf einer mit lasziven Damen und spätbarocken Elementen dekorierten Bühne auftreten, blickt Komponist und Keyboarder Rod Argent mit herablassender Grimasse auf die Büste eines unbekannten Komponisten in Lockenperücke. Seine Miene sagt: "Na, hättest Du das auch hinbekommen?" - Die kontemplativ, triste Melodik der Strophen und der manieriert verzweifelte Aufschrei des Refrains, die plötzliche Steigerung des Tempos vor dem letzen Refrain, ja selbst der Harmoniegesang mit seinen gedehnten, halb dissonanten Vokalen, all das war in dieser Kombination völlig neu und ungehört. Der Text erzählt von der schmerzhaften Erinnerung an eine verschwundene Liebe, eine Romantik des Verlusts die sich in kleinen Details (Her voice was soft and cool - Her eyes were clear and bright) aufhält. Die Figur der Verschwundenen zieht im folgenden durch einige weitere Stücke. Im Entsetzen einer neuen, bedrohlichen Realität: Six O'Clock - The Lovin' Spoonful, als gebrochenes Herz eines zu Unbedarften: Katie's Been Gone - Bob Dylan & The Band, in unsagbar verfeinerter Bitterkeit: Coming Back To Me - Jefferson Airplane oder auch als samtiger Schmerz für ein erwachsenes Publikum: The Most Beautiful Girl - Charlie Rich und am Ende in der trügerischen Sehnsucht eines fatalen Wunschdenkens: The Long And Winding Road - Beatles und Simple Twist Of Fate - Bob Dylan. Dann verschwindet diese Konstellation allmählich, verbleibt noch Stil des Sentiments Charlie Richs bei einem erwachsen gewordenen Publikum (etwa in: If I Had It My Way - Kim Weston), doch sie verlässt die jugendliche Pop-Welt. Fast so, wie Lord Byron und die anderen Romantiker, ja am Ende selbst Francoise Sagan aus den Leselisten verschwanden. Es gibt auch heute eine Idee dieser Sprache, auch dieser Empfindungen. Die alten Stücke berühren den Hörer, vielleicht sogar umso mehr im Schatten ihrer aktuellen Abwesenheit. Doch ein kleiner Impuls, ein verräterischer Funke fragt: Was für eine Dramatik! Wofür? Tatsächlich kennt der aktuelle R&B noch Hassarien in denen dem Verletzer, Fremdgeher und Verlasser hinterer gebrüllt wird, er berichtet auch vom Pathos imaginierter Todessehnsüchte in Stimmen, deren Tremologesang eher von enormer Lebensenergie kündet. Doch diese erwähnten kleinen Feinheiten der alten Geschichten, die nicht mal verrieten, was wirklich zwischen Ihr und Ihm war, sie sind verschwunden. Die Zombies waren die ersten großen Meister dieser Geschichte, ihnen gelang es sie mit einer aktuellen, sehr beweglichen Energie zu versehen. Rhythmisch wippen die Musiker im TV-Studio nach vorn und hinten, die psychedelischen Sounds der kommenden Jahre schon vorwegnehmend un
d in den Groove der verlorenen Seele einloggend. Hey, habt ihr sie gesehen? Wo ist sie? Ich irre hier rum. Sie hatte dieses wundervolle Haar und ihre Augen, ach, wenn ich von diesen Augen erzähle! - In Wirklichkeit ist sie nicht weit weg gekommen, sie wollte gar nicht weit weg, wo sollte es auch noch viel besser werden als bei den Zombies? Sie ist da, ganz in der Nähe, Du kannst sie im Moment nicht sehen, aber sie wird auch noch später da sein, in 45 Jahren, ganz sicher.- So wie der "Royal Garden Blues" aus dem Jahr 1919, welcher als eins der ersten Riff-geprägten Stücke des Dixieland Jazz unter Kennern und Liebhabern auch heute noch gespielt wird? Oder immer noch mit einer Direktheit des Empfindens? Vielleicht irgendwo dazwischen. Sicher aber sind diese Stücke des Jahres 1964 aus einer andern Substanz als das "Pokerface" anno 2009. Ihm bleibt nur die Variation, der Variation einer Variation am Ende einer Geschichte die, wenn nicht 1954, so tatsächlich vor 45 Jahren begonnen hatte.
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